Schach und ADS im Turnierspiel

wie schon erwähnt liegt die Fehlerquote bei ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) im Turnierspiel gegen Menschen in einer durchschnittlichen Partie 5-10 mal höher als bei Schachspielern ohne ADS. Dies zeigt sich in teilweise sehr krassen Fehleinschätzungen der Stellung während der Partie. Auch Geisterzüge die völlig irrational sind tauchen so manches mal auf und drohen einen in die Irre zu führen.

Im Nahschach gegen Menschen denke ich viel langsamer;
auch die Stellungserfassung sowie Beurteilung ist bedingt durch die äußeren Umstände wesentlich ungenauer. Manchmal habe ich sprichwörtlich „ein Brett vorm Kopf“
Dies resultiert z.B. auch daraus, dass mich irgendetwas am Gegner stört, und wenn es auch nur Kleinigkeiten sind, doch sie können mich schnell unbewußt stören. Stuhlrücken vom Nachbartisch, oder die generelle Spannung die teilweise immens hoch ist (schon um das hohe Level der Konzentration stets halten zu können) Das bedeutet das ich ungefähr 5-10mal mehr abgelenkt werde als Schachspieler ohne ADS. Zuhause sieht das ganz anders aus. Da sehe und bewerte ich die jeweilige Stellung viel schneller und genauer. Oft sehe ich mit einem Blick welche Züge oder stellungsgemäße Erfordernisse am besten spielbar sind. Auch das Denken geht viel schneller. Um es so zu erklären: Zuhause spiele ich in etwa wie jemand der kein ADS hat.

als Beispiel die Partie P. Wiesener Elo 2054 – Andy Scheele wo ich eine klare Gewinnstellung hatte, und diese mir selbst innerhalb von wenigen Zügen zerstörte.  Manche werden sagen: okay, das gibt es bei anderen Schachspielern auch. Und teilweise kann ich das auch bestätigen, da ich im Rahmen meines täglichen Schachtrainings viele Partien gerade auch von Weltklassespielern nachspiele und dort zuweilen auch Fehler bis grobe Patzer begangen werden. Doch die Häufigkeit und Art der Fehler ist einfach wesentlich größer bei ADS. Daher auch mein nur mäßiger Erfolg im Turnierschach gegen Menschen und der vergleichbare große Erfolg im Spiel gegen Schachprogramme am heimischen Herd.

Ich  habe einige Beispielpartien angefügt. Bei Interesse schicke ich gerne die PGN Datei. In der Hoffnung hiermit eine Diskussion unter allen die meine Webseite besuchen, diese Zeilen lesen und die Partien nachspielen angeregt zu haben.

euer Schachzauberer (A.S)

20171217_214231

[Event „BFL Heimspiel SF3“]
[Site „Bülowstr.“]
[Date „2017.11.29“]
[Round „?“]
[White „Dr.Zwingel“]
[Black „A.S“]
[Result „1/2-1/2“]
[ECO „B07“]
[WhiteElo „1793“]
[Annotator „A.S“]
[PlyCount „103“]
[EventDate „2017.??.??“]

1. Nc3 Nf6 2. e4 d6 3. Nf3 g6 4. Bc4 Bg7 5. O-O Nbd7 $6 {klarer
Eröffnungsfehler und viel zu schnell gespielt.} (5… O-O 6. d3 c5 7. Be3 Nc6
8. h3 a6 {wäre sicher die bessere Fortsetzung}) (5… c5 6. h3 O-O 7. d3 Nc6
8. Be3 a6 $11) 6. Bxf7+ $1 {ein Blitz aus heiterem Himmel und für mich
völlig unerwartet….} Kxf7 7. Ng5+ Kg8 8. Ne6 Qe8 9. Nxc7 Qd8 10. Nxa8 b6 11.
d3 Bb7 12. Nxb6 $14 {na klar! warum auch nicht?} Qxb6 13. Rb1 h5 $5 14. Be3 Qa5
15. Qc1 (15. h3 a6 16. f4 Qc7 17. f5 gxf5) 15… Ng4 16. h3 Nxe3 17. Qxe3 Ne5
$5 18. Kh1 Nc6 {die Umgruppierung des Springers auf den anderen Flügel gefiel
mir weil er hier mit Blick aufs Zentrum wesentlich aktiver steht.} 19. Qg3 Kh7
20. f4 Rg8 21. Qg5 $6 (21. f5 $1 Be5 22. fxg6+ Rxg6 23. Rf7+ Bg7 24. Qh4 Bc8
$14 25. Nd5 Be6 {wäre vorteilhafter für weiß gewesen.}) 21… Qxg5 $1 22.
fxg5 Bxc3 $5 23. bxc3 {schwächt die gegnerische Bauernstruktur fürs Endspiel.
} Bc8 24. d4 Kg7 25. Kg1 Ba6 $132 26. Rf2 Rf8 $6 ({besser} 26… Rc8 27. Rf3
Rc7 28. h4 Na5 $11) 27. a3 $6 Rxf2 (27… Rc8 28. h4 Na5 $11) 28. Kxf2 Na5 29.
Kf3 Nc4 30. Kf4 $6 e5+ 31. Kg3 Nd2 32. Re1 (32. Rb8 Nxe4+ 33. Kh4 Nxc3 34. Ra8
Be2 35. Rxa7+ Kf8 36. dxe5 dxe5 37. Ra5 Bb5 $11) 32… Bb7 33. d5 Ba6 $11 {
der wird zum Superläufer.} 34. Kf2 Bb5 $1 {beugt a4 vor und bereitet den Weg
für a6 nach evtl. Tb1!} 35. g3 a6 36. a4 $2 (36. h4 Kf7 37. c4 $5 Nxc4 $11 38.
Ra1 a5 $132) 36… Bxa4 37. Ke3 Nc4+ 38. Kd3 Bb5 $17 39. Ra1 Nb6+ (39… a5 $1
40. Ke2 a4 41. h4 a3 $17) 40. Kd2 Kf7 $15 41. Rg1 Na4 $5 42. Rg2 Nc5 $1 43.
Rf2+ $6 Ke7 $5 (43… Kg7 44. Ke3 a5 $17) 44. Ke3 a5 $17 45. Rf6 $4 {der
Verlustzug. Und genau mit diesem Zug hatte ich schon gerechnet. Als Rezept
dagegen den blödsinnigen und nichts bewirkenden Zug Le8? zurechtgelegt und –
wie wenn man sich selbst programmiert – auch ohne weiteres nachdenken oder
erneuter Stellungsbeurteilung ohne zu zögern ausgespielt!} (45. Rd2 Bf1 {
SC5 T48 +1,57!} 46. h4 a4 $17) 45… Be8 $4 {gibt den einfachen und
offensichtlichen Gewinn aus der Hand!} (45… a4 $1 $19 46. Rf2 (46. c4 $5 Bxc4
47. Rf2 a3 48. Rd2 a2 49. Rd1 Kd7 50. Ra1 Kc7 51. h4 Kb6 $19) 46… a3 47. Rh2
{alle weißen Züge sind forciert. Der a-Bauer ist sonst nicht aufzuhalten.} a2
48. Rh1 Bc4 {-4,97 T48 SC5} 49. Ra1 Kd8 50. Rg1 Kc7 51. Rh1 Kb6 52. Rg1 Ka5 53.
Ra1 Ka4 {und weiß kann seinem Untergang nur hilflos zusehen. Es gibt nichts
gegen die drohende b-Umwandlung!}) 46. c4 a4 47. Rf1 Bd7 48. h4 Na6 $6 (48…
Bh3 $1 {mit diesem Zug hätte ich nochmal die letzte Möglichkeit nutzen
können auf Gewinn zu spielen.} 49. Ra1 Bg2 50. Kd2 Bxe4 $19) 49. Kd2 Nc5 50.
Ke3 Na6 51. Kd2 Nc5 52. Ke3 1/2-1/2

 

2.Beispielpartie

20171217_223000

[Event „BFL 2017“]
[Site „?“]
[Date „2017.12.13“]
[Round „3“]
[White „Paula Wiesener“]
[Black „A.S“]
[Result „1-0“]
[ECO „A33“]
[Annotator „A.S“]
[PlyCount „47“]
[EventDate „2017.??.??“]

1. d4 c5 2. Nf3 Nf6 (2… f6) 3. c4 cxd4 4. Nxd4 e6 5. Nc3 Nc6 (5… d5 6. Nc2
Nc6) 6. Nc2 {ungewöhnlich und selten gespielt.} d5 7. cxd5 exd5 8. Nd4 $6 Bc5
9. Nb3 Bb4 (9… Bb6) 10. Bd2 O-O 11. a3 Be7 (11… Bd6 {das wäre der Zug der
Engine gewesen. Geht auch. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich mir die
D-Linie nicht versperren. Versperrte mir stattdessen die wichtigere E-Linie?!}
12. Bg5 Be5) 12. Bg5 $6 d4 $1 13. Nb5 Qb6 14. e3 Be6 (14… Bg4 $5 15. Be2 (15.
f3) 15… Bxe2 16. Qxe2 a6 17. Bxf6 Bxf6 18. N5xd4) 15. Bxf6 Bxb3 $2 {hier
spielte ich diesen Zug ohne weiter nachzudenken weil ich ihn schon als fertige
Zugfolge auf Abruf im Kopf hatte. Kurz nach Ausführung sah ich das sich weiß
dadurch besser konsolodieren kann.} (15… Bxf6 $1 $19 {das einfachste und
effektivste zwar gesehen aber nicht gespielt. Lb3 sieht ja auch irgendwo
spekatakulärer aus!? das wäre eigentlich schon der Gewinn gewesen, und
schwarz hätte es schwer gehabt überhaupt noch einen guten Zug zu finden.} 16.
N3xd4 Rfd8 17. Bd3 Nxd4 18. Nxd4 Bxd4 19. exd4 Qxd4 (19… Rxd4 20. Qb1 Bf5 21.
Bxf5 Re8+ 22. Kf1 Rd2)) 16. Bxd4 $1 Nxd4 17. Qxd4 Qa5+ $6 {und hier sah ich
vorher schon die Fatamorgana oder den Geisterzug nach Dc3 Lb4?? in Erwartung
aufab4?? und dann Da1 worauf ich mich schon riesig freute! und nicht die
Möglichkeit das die Dame einfach rausnimmt! hat man sowas schon mal erlebt?} (
17… Bc5 $1 18. Qc3 (18. Qd3 Rfe8 19. Qxb3 Bxe3) 18… Ba4 19. Qc4 a6 20. Qxa4
axb5 21. Qxb5 (21. Qb3 Qa5+ $15 22. Ke2 Rfd8) 21… Bb4+ 22. Qxb4 Qxb4+ 23.
axb4 Rxa1+ $19) 18. Qc3 Qa4 $2 (18… Qxc3+ 19. Nxc3 {hätte wenigstens noch
zum Remis gereicht.}) (18… Bb4 $4 19. Qxb4) 19. Nd4 Bf6 20. Qxb3 Qxb3 21.
Nxb3 Bxb2 22. Ra2 Bc3+ 23. Ke2 Rfd8 24. g3 1-0

 

als nächste Partie stelle ich euch eine aktuelle aus der Berliner Feierabendliga vor.

Hier sieht man ganz gut wie ich das 3. mal in Folge den Gewinn vergebe aufgrund dessen

das ich in entscheidenden Momenten die Stellung nicht nochmal neu eingeschätzt und beurteilt habe. Oft wären es nur ein paar Minuten mehr gewesen die ich mir jedoch nicht nahm. Da ich ganz gut im „nachspüren“ solcher Sachen bin, ist der Hauptgrund

wieder einmal mehr die Ablenkung all des ganzen Drumherums während der Partie gewesen. Knallende Türen zuweilen, Seufzer von Spielern u.a taten ihr übriges und

schwächten meine Aufmerksamkeit und Konzentration. Das ebnet oft die Bahn für Blockouts, weil die Neuronen bei zuviel Störungen die unbewußt ablaufen einfach dicht machen. Der andere Grund ist das für ADS ohnehin typische Festbeißen an bestimmten Zugfolgen sowie dem Beharren darauf obwohl sie sich als nicht so gut herausstellen. Die Unfähigkeit umzudenken und einen anderen Plan zu ersinnen wie das „gesunde Spieler“

machen können spielt dabei auch eine sehr große Rolle. Oft wollte ich aus ausgeführten Gründen schon aufgeben und das Turnierschach gegen Menschen an den Nagel hängen. Zuviel der Qualen im nachhinein solche klaren  Gewinnpartien einfach zu vergeben denn das tut ja auch weh. Doch meine Leidenschaft und Liebe für das Schach siegte am Ende immer wieder….

Sicherlich wird der ein oder andere Leser dieser Zeilen das auch ganz gut kennen.

Schreibt mir einfach auch eure Erfahrungen!

Bis bald, euer Andy (Schachzauberer)

 

 

[Event „BFL 2017“]
[Site „Heimspiel Bülowstr.“]
[Date „2018.01.10“]
[Round „4“]
[White „A.S“]
[Black „Sebastian, Martin“]
[Result „1/2-1/2“]
[ECO „A58“]
[Annotator „A.S“]
[PlyCount „114“]
[EventDate „2018.??.??“]

1. d4 Nf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cxb5 a6 5. bxa6 Bxa6 6. Nc3 g6 7. g3 d6 8. Bg2
Bg7 9. Nf3 Nbd7 10. O-O O-O 11. Qc2 Qa5 12. Rb1 Rfb8 13. h3!?N (13. Bd2)
13… Nb6!? {ein ungewöhnlicher Plan und wenig gespielt aber nicht
uninteressant. Der Springer zielt nach c4 und übt nochmal zusätzlichen Druck
auf d5 aus. Es fragt sich allerdings ob c4 nebst Sc5 effektiver ist?} 14. Rd1
Nc4 15. Nd2 Ne5 16. b3 Ned7 (16… c4!?) 17. Nf3!? {um nach c4 unter anderem
Sd4! als Antwort zu haben.} Bb7 18. Bd2 Qb4 19. e4 Ra7 20. Bf1 {hier war
das obligatorische und Stellungsgerechte a4 wahrscheinlich besser. Ich hatte
jedoch Lf1 aus einem inneren Gefühl heraus den Vorzug gegeben. Merkwürdig
ist das ich auch mit La6 als AW rechnete um das unangenehme Lc4 zu verhindern aber überhaupt nicht den Gewinnerzug Sb5! sah.} (20. a4 {mit späterem Sb5 wäre
der thematische und Stellungsgemäße Zug gewesen.}) 20… Ba6?? {und der
Patzer kam tatsächlich! Nur leider von mir nicht als solcher gesehen! die 3.
Partie in Folge mache ich den Fehler meinen Zug trotz voriger Denkschablone
nicht noch einmal zu überdenken. Sowas wie Sb5 sieht man eigentlich schon im
Blitzen. Vielleicht liegt gerade da das Problem zu lange nachgedacht zu haben
an La6 und nicht das einfachste zu tun!?} 21. Bxa6??(21. Nb5! Qxe4 22.
Qxe4 Nxe4 23. Nxa7+-) 21… Rxa6 22. Qd3 Qb7 23. a4 Rb6 24. Nb5 Ne8 25. Bg5
f6 26. Bd2 Ra8 27. Bc3 Bh6 28. Nd2 Ne5 29. Bxe5 fe5 30.Sc4 Tba6 (29. Qe2 {wäre wahrscheinlich ein Tick besser gewesen. Hier überlegte ich lange ob ich den Läufer nicht
besser behalten sollte.Zb, Bxd2 30. Rxd2 Qd7 31. Kg2 mit klar besserer Stellung
31. Rf1 Qd7 32. Kg2 Nf6 33. Qe2 Rf8 34. Ne3 Rb6 35. Ng4 Nxg4 36. Qxg4 Qxg4 37.
hxg4 Bd2 38. Rbd1 Ba5 39. f4 exf4 40. gxf4 Rb7 41. Rf3 Bb4 42. e5 Rd7 (42…
dxe5  43. fxe5 Rc8 44. e6! c4 45. Rc1 ) 43. Kf2?! {und genau das ist
es! wieder einmal bin ich einer vorgefertigten Schablone gefolgt. Nämlich Kf2
wegen nachfolgendem Te3 zu spielen um die E-Linie in Besitz zu nehmen und Te6
zu spielen. Ungeachtet den Ressourcen von Schwarz.} Ra8 44. exd6 exd6 45. Re3
c4! 46. Re4 (46. bxc4) 46… Bc5+! {das hatte ich auch übersehen…} 47.
Kf3 cxb3 48. Rb1 Rf7 49. Rxb3 Raf8 50. Rc3 {und hier hatte ich die letzte
Möglichkeit ausgelassen doch noch auf Gewinn zu spielen.} (50. a5! {warum
nicht? die 4 Reihe ist ausreichend gedeckt und weiß hat eigentlich nichts.}
Ra8 51. Ra4 Re7 {kurioserweise ist es schwarz der nun die E-Linie besetzt…}
52. g5!) 50… g5 51. f5 (51. Rcc4!?) 51… h5 52. Re6?! {der letzte
Fehler der denn Gewinn endgültig vergibt.} (52. gxh5 Rxf5+ 53. Kg4 Rxd5 54.
Nc7 Rd1 55. Ne6 {hätte ich mir noch einen kleinen Vorteil bewahren können.})
52… hxg4+ 53. Kxg4 Rxf5 54. Rg6+ Kh7 55. Rxg5 Rf4+ 56. Kh3 Rxa4 57. Rcg3 Rf6
1/2-1/2

 

Advertisements